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07.11.2018, 14:30 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 590. Sitzung

Vortrag 1: Prof. Dr. Wolfgang Löwer, Bonn: Regeln guter wissenschaftlicher Praxis – Entwicklungstendenzen Vortrag 2: Dr. Anne Friedrichs, Bielefeld (Junges Kolleg): Die Grenzen einer pluralen Gesellschaft. Die polnisch-deutsche Migration ins Ruhrgebiet (1860–1950).

Vortrag 1

Regeln guter wissenschaftlicher Praxis – Entwicklungstendenzen

Prof. Dr. Wolfgang Löwer, Bonn

Regeln guter wissenschaftlicher Praxis sind als bewusster Verfahrensgegenstand skandalgeboren, der Sache nach zu einem Teil aber weder neu noch Gegenstand rechtlicher Normierung, sondern Funktionsbedingungen der Wissenschaft. Zu einem anderen Teil müssen die Regeln gesetzlich geordnet werden, nämlich dann, wenn die Forschung Drittrechtsgüter für ihre Zwecke nutzt. Es bleiben allerdings noch Räume der Unklarheit. Sie betreffen u. a. Autorschaftsfragen, aber auch eher Vordergründiges wie die Autorschaftsreihung im Spiegel der verschiedenen Disziplinen, Probleme kumulativer Dissertationen und Habilitationen oder – völlig ungeklärt – die Frage nach der Wahrung der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis im grenzüberschreitenden Zusammenhang.

Prof. Dr. Wolfgang Löwer legte 1971 seine Erste Juristische Staatsprüfung und 1975 die Zweite Juristische Staatsprüfung ab. 1978 wurde er an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn zum Thema „Staatshaftung für unterlassenes Verwaltungshandeln“ promoviert. Er habilitierte sich 1984 in Bonn und war von 1984 bis 1985 Professor an der Universität Münster. 1985 nahm er eine Professur an der Freien Universität Berlin an und wechselte 1990 auf eine Professur an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Dort war er von 1996 bis 1997 Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät und von 2004 bis 2009 Prorektor für Planung und Finanzen. Von April 2006 bis Mai 2014 war er Richter am Verfassungsgerichtshof Nordrhein-Westfalen. Seit 2007 ist er Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung zur Förderung des Wissenschaftsrechts und seit 2009 Vorstandsvorsitzender der Bonner Universitätsstiftung. Seit 2011 ist er auch Präsident des Bundesverbandes Deutsche Verwaltungs- und Wirtschaftsakademien e.V. Seit 2013 ist er Mitglied der Landtagskommission zur Reform der Landesverfassung.

Seit 2006 ist er ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste und wurde 2016 zum Präsidenten gewählt.

Vortrag 2

Die Grenzen einer pluralen Gesellschaft. Die polnisch-deutsche Migration ins Ruhrgebiet (1860–1950).

Dr. Anne Friedrichs, Bielefeld (Junges Kolleg)

Die Flucht von Millionen Menschen aus Kriegsgebieten und Regionen großer Armut nach Europa und Nordamerika in den vergangenen Jahren hat die Thematik der Migration erneut in die Öffentlichkeit gerückt. Entgegen des häufig in der Tagespresse vermittelten Eindrucks, dass es sich hierbei um eine einzigartige Situation oder einen Ausnahmezustand handelt, sind große Migrationsbewegungen weder in Deutschland noch in Europa ein neuartiges Phänomen. Dies zeigt nicht zuletzt ein Blick auf die frühen polnisch-deutschen Zuwanderungen ins Ruhrgebiet seit Mitte des „langen“ 19. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. In historischer Perspektive wird deutlich, wie sich die Beziehungen zwischen den zuziehenden und den schon länger im Ruhrgebiet lebenden Menschen unter dem Eindruck eines zunehmenden Nationalismus wiederholt veränderten und die jeweiligen Differenzwahrnehmungen das Zusammenleben und die gesellschaftliche Ordnung in dieser Region beeinflussten. Der Vortrag analysiert diese zeitgenössischen Beziehungen in der Zeit ab 1890 und nimmt dazu unterschiedliche Blickwinkel ein – von staatlichen und kommunalen Behörden, aber auch der verschiedenen Hinzu- und wieder Fortziehenden. Argumentiert wird, dass das Leben im Ruhrgebiet und die Informationen darüber, die in den Provinzialbehörden und in den Ministerien in Berlin kursierten, immer mehr auseinanderklafften und die allzu pauschalen Unterscheidungen zwischen „mobilen Polen“ und „einheimischen Deutschen“ letztlich dazu beitrugen, den Einfluss nationalistischer Bewegungen auf die politischen Entscheidungsprozesse zu vergrößern. Zugleich begünstigten Anliegen wie die Zurückdrängung des politischen Katholizismus die Rezeption von bestimmten Informationen, die in das bereits gefasste Bild passten. Mit der Frage polnisch-deutscher Zuwanderung wurden, so die Überlegung, also auch Grundfragen gesellschaftlicher Ordnung und die Zugehörigkeit von mobilen Menschen, aber auch das politische Gewicht unterschiedlicher Akteure und Institutionen verhandelt – Aspekte, deren Reflexion heute wieder dringlicher denn je erscheint.

Dr. Anne Friedrichs studierte Geschichte und Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig, ferner zeitweise Politikwissenschaft sowie Stadt- und Raumplanung an der Universität Lumière Lyon 2 und am Institut d’études politiques in Lyon. Nach Aufenthalten an der Universität Cambridge und an der ENS in Paris wurde sie in Leipzig 2010 im Bereich Vergleichende Kulturund Gesellschaftsgeschichte promoviert. Ihre Dissertation beschäftigte sich mit dem Verhältnis der britischen und französischen Geschichtswissenschaft zum Wandel der Kolonialreiche im 20. Jahrhundert und wurde 2012 mit dem Johannes Zilkens-Promotionspreis der Studienstiftung des deutschen Volkes ausgezeichnet. Es folgten Tätigkeiten in der Hochschulleitung der Leuphana Universität Lüneburg und Forschungsaufenthalte in Paris und in Warschau. Seit 2015 arbeitet sie an der Universität Bielefeld an ihrer Habilitation zum Thema „Migration und Vergesellschaftung jenseits des nationalen Paradigmas. Eine relationale Geschichte der Ruhrpolen, 1860–1950“, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Von 2018 an ist sie zudem am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) tätig und dort in das Schwerpunktprogramm „Mobilität und Grenzziehung“ eingebunden. Neben der historischen Mobilitäts- und Migrationsforschung liegen ihre Forschungsschwerpunkte in den Bereichen der Historiographie- und Wissenschaftsgeschichte sowie der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

Anne Friedrichs ist seit 2016 Mitglied des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.