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23.01.2019, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 592. Sitzung

Vortrag: "Die Theodizee in den Zeiten der Pest: Bocaccios Agnostizismus"; Prof. Dr. Andreas Kablitz, Köln

Boccaccios Decameron steht nicht im Ruf, einen besonderen Sinn für theoretische Höhenflüge zu haben. Seine hundert Novellen gelten gemeinhin als eine Sammlung eher unterhaltender und mitunter ziemlich frivoler Geschichten. Diesem Eindruck stehen im Grunde schon die im Decameron ebenso zu findenden, tieftraurigen Erzählungen entgegen. Doch die zitierte, verbreitete Fehleinschätzung reicht noch weiter. Denn unter der scheinbar so gefälligen Oberfläche von Boccaccios Novellen verbirgt sich eine sehr entschiedene Auseinandersetzung mit drängenden, im besonderen theologischen Fragen der Zeit. Die Rahmenhandlung, die im pestverseuchten Florenz spielt, gibt Gelegenheit, elementare Prinzipien des christlichen Dogmas, so vor allem die überkommene Theodizee, auf den Prüfstand zu stellen. Wie sich zeigen lässt, kommen Zweifel daran allerdings keineswegs erst unter diesen ausnahmehaften Bedingungen auf. Die todbringende Krankheit, die zahllose Menschen dahinrafft, bietet Boccaccio vielmehr Anlass, der längst virulenten Frage nach Gottes Allmacht und Allgüte eine radikale Wendung zu geben. Diese Auseinandersetzung mit konstitutiven Grundsätzen christlichen Glaubens in den Einlassungen des Autors wie in den erzählten Novellen zu verfolgen, stellt das Anliegen des hier angezeigten Vortrags dar.

Prof. Dr. Phil. Andreas Kablitz ist Professor am romanischen Seminar der Universität zu Köln. 1983 wurde er mit der Dissertation „Lamartines Méditations poétiques“ promoviert und 1987, nach einem Habilitationsstipendium der DFG mit der Habilitationsschrift „Die Diskussion um das ridiculum im 16. Jahrhundert in Italien“, habilitiert. Daran anschließend arbeitete er 1988 13 als Oberassistent am Institut für Romanische Philologie der FU Berlin. 1989 wechselte er als Heisenbergstipendiat zum Petrarca-Institut der Universität zu Köln. Von 1989–1999 war er Professor für romanische Philologie an der Universität Tübingen bevor er von 1990–1994 Ordinarius für italienische Philologie an der LMU München war und dort Vorstand des Instituts für italienische Philologie. Seit 1994 ist er Professor für romanische Philologie an der Universität zu Köln. Dort war er von 1996–2000 Mitglied der DFG-Forschergruppe „Zum politisch-sozialen Diskurs und den Formen des Wissens im Zeitalter des Humanismus“ an der LMU München. Seit 1996 ist er Mitglied des Herausgebergremiums des „Romanistischen Jahrbuchs“. Er erhielt 1996 den Gottfried- Wilhelm-Leibniz-Preis. Er ist seit 1998 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Fritz-Thyssen-Stiftung. In 2001 war er als Gastprofessor an der University of Washington/USA. Seit 2002 ist er Projektleiter im kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg „Medien und kulturelle Kommunikation“ (SFB/FK427) in Köln und seit 2003 Mitglied des Bewilligungsausschusses für Sonderforschungsbereiche DFG.

Andreas Kablitz ist seit 2006 ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Seine Forschungsschwerpunkte sind die Schriften Dante Alighieries und Kommentare zur Commedia, Literatur der europäischen Renaissance, Roman des 19. Jahrhunderts, Literaturtheorie als Kulturtheorie, mittelalterliche und frühneuzeitliche Zeitlichkeits- und Raumkonzepte sowie Konzepte der Verkörperung und Theatralität.