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13.02.2019, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 593. Sitzung

Vortrag: "Endzeiterwartungen in der Reformationszeit und ihr Nachwirken"; Prof. Dr. Rainer Stichel, Münster

Bei den Juden aller Jahrhunderte war die Erwartung lebendig, in der Endzeit der Welt werde das Zwölfstämmevolk Israel wieder im Heiligen Lande versammelt werden; dabei würden die zehn Stämme Israels, die im Jahre 722 v. Chr. von den Assyrern deportiert worden waren und nach deren Verbleiben man seitdem überall in der Welt suchte, in das Heilige Land zurückkehren. Rabbi Abraham ben Eliezer Halevi, der nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492 in Jerusalem lebte, berechnete das Erscheinen des Messias auf das Jahr 1523. Die Christen waren für solche Erwartungen empfänglich. Bekannte und bisher unbekannte Zeugnisse für die Ausbreitung der Hoffnung auf die baldige Rückkehr der Zehn Stämme bei Juden wie Christen liegen in unterschiedlicher Ausgestaltung durch alle folgenden Jahrhunderte vor. Zugleich mit der Hoffnung lebte die Angst vor den endzeitlichen Schrecken, als deren Anzeichen man den Einfall der apokalyptischen Völker Gog und Magog und das Auftreten des «Antichristos», des Wider-Messias erwartete. Die Aussagen, die man darüber in der Heiligen Schrift fand oder zu finden glaubte, verwendete man, um Personen oder Ereignisse der jeweils eigenen Zeit zu verstehen und um den weiteren Verlauf der Geschichte bis zu ihrem Ende, immer wieder von neuem, zu berechnen. Geradezu kanonisches Ansehen gewann die Überzeugung Martin Luthers, mit den in der Bibel genannten Völkern Gog und Magog seien die Türken, mit dem Antichrist das Papsttum gemeint. Demgegenüber sahen Theologen der römischen Kirche sich vor die Aufgabe gestellt, die eigenen Anschauungen über die Endzeit zu verteidigen und dabei möglichst auch die Behauptung, der Papst sei der Antichrist, zu widerlegen. In dem Vortrag werden bekannte und bisher unbekannte Zeugnisse behandelt werden, die neues Licht auf die Entwicklung zu werfen geeignet sind.

Prof. Dr. Rainer Stichel, geboren 1942 in Berlin, war nach dem Studium der Byzantinistik, Slavistik und Klassischen Philologie an der Freien Universität Berlin, in Heidelberg und Paris seit 1971 Mitarbeiter des christlichen Archäologen Friedrich Wilhelm Deichmann am Deutschen Archäologischen Institut in Rom, danach Referent an der Bibliotheca Hertziana, dem kunsthistorischen Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Rom. Nach neunjähriger Tätigkeit in Rom habilitierte er sich 1981 an der Universität zu Köln für das Fach Byzantinistik. Seit 1984 Heisenberg-Stipendiat, folgte er 1985 einem Ruf auf den Lehrstuhl für Byzantinistik an der Universität Münster, den er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahre 2007 innehatte. Für das Akademische Jahr 1987/88 lud die Harvard-Universität ihn als Senior Research Associate an ihr byzantinistisches Studienzentrum Dumbarton Oaks in Washington ein. 1994 und 1997 lehrte er als Directeur d’études invité an der École Pratique des Hautes Études (Sorbonne) in Paris. Er ist seit 1995 Ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Hauptarbeitsgebiete: Forschungen zu den Wechselbeziehungen zwischen byzantinischer Literatur und Kunst; zum Nachleben der jüdischen Literatur der hellenistischen Zeit in der byzantinischen Welt; zur Bedeutung der byzantinischen Kultur für die orthodoxen Slaven; zur Wirkung des öffentlichen Stundengebets der lateinischen Kirche auf die mittelalterliche und frühneuzeitliche Kunst Westeuropas.