AWK - Detailansicht Veranstaltungen

Übersprungnavigation

Navigation

Inhalt

13.03.2019, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 594. Sitzung

Vortrag: "Lev Tolstojs Roman „Krieg und Frieden“ – Versuch einer Umwertung und die Folgen"; Prof. Dr. Hans Rothe, Bonn

Der Hauptroman Tolstojs (1828–1910), Krieg und Frieden, geschrieben 1863–1869, einer der bedeutenden und wohl auch meistgelesenen der Weltliteratur, ist von Anfang an und bis heute als ein Musterbeispiel des literarischen Realismus verstanden worden; in sovjetischer Sprache als ein Leitwerk des sog. kritischen, will sagen: fortschrittlichen Realismus.

Der Vortrag versucht eine Neubewertung. Es soll gezeigt werden, dass der Roman zur literarischen Empfindsamkeit gehört, deren Leitautoren Laurence Sterne (1713–1768) und Jean Jacques Rousseau (1712–1778) waren. Das soll als stilistische Leittendenz und am Beispiel der Charakteristik von vier Hauptfiguren des Romans (Nataša Rostova, Andrej Bolkonskij, Pierre Bezuchov, Feldmarschall Kutuzov) erklärt werden.

Mehr als üblich gehört die Geschichte der Interpretation des Romans zum Thema des Vortrags. Am Anfang der 1920-er Jahre haben zwei berühmte Literarhistoriker (Boris Ejchenbaum, Viktor Škovskij) in Rußland die Einwirkung der literarischen Empfindsamkeit auf Tolstojs Frühwerk in den 1850-er Jahren nachgewiesen. Später, Ende der 1920-er und Anfang der 30-er Jahre, haben Beide umfangreiche Gesamtdarstellungen über Tolstoj veröffentlicht. In ihnen ist von Empfindsamkeit bei Tolstoj nicht mehr die Rede, so dass der Eindruck entstand, die Wirkung der Empfindsamkeit auf Tolstoj gehöre nur in seine Jugendphase, und mit Krieg und Frieden sei er darüber hinaus gelangt, und in sein reifes Werk des kritischen Realismus eingetreten. Niemand veröffentlichte etwas Anderes; auch im Westen nicht. Wie ist das zu erklären. Wenn die Hypothese, die in dem Vortrag dargelegt werden soll, stimmt, ergibt sich nicht nur eine Umwertung des Werkes von Tolstoj, sondern darüber hinaus auch die Frage, was unter literarischem Realismus zu verstehen ist?

Prof. Dr. Hans Rothe wurde 1928 in Berlin geboren und ist in Ostpreußen aufgewachsen. 1944 wurde er als Flakhelfer eingezogen und in Hamburg eingesetzt. Im März 1945 wurde er auf eigenen Antrag nach Berlin entlassen, das er aber noch vor den Kämpfen um Berlin nach Holstein verlassen konnte, wohin seine Familie auf der Flucht gelangt war. 1945–1948 beendete er seine Schulbildung auf der Walddörferschule in Hamburg. Von 1948 bis 1954 studierte er in Kiel, Marburg und London Slavische Philologie bei Alfred Rammelmeyer, Indogermanistik bei Erich Hofmann und Kirchengeschichte bei Peter Meinhold und Erst Benz. 1954 legte er das Doktorexamen in Kiel mit einer sprachwissenschaftlichen Dissertation ab. Danach wurde er wissenschaftlicher Assistent bei A. Rammelmeyer in Marburg. Dort habilitierte er sich 1963 mit einer Arbeit über Karamzin (1760–1826). 1966 nahm er den Ruf auf ein neu gestiftetes Ordinariat für Slavische Philologie/Literaturwissenschaft in Bonn an. Rufe anderswohin lehnte er ab; beworben hat er sich woanders nicht. Seine Ausbildung hat er bis in die Bonner Zeit hinein durch Reisen in alle slavischen Länder ergänzt. Mehrfach hat er mit Studenten wissenschaftliche Exkursionen in die tschechische und slovakische Republik gemacht. Er hat über alle slavischen Literaturen gelehrt und geschrieben, vor allem über Humanismus bei Süd- und Westslaven, über Aufklärung und Moderne bei Russen und Tschechen. Er hat wichtige Werke slavischer Sprachen ediert, u. a. Nachdrucke slavischer Übersetzungen der Bibel in einer Reihe Biblia Slavica mit internationaler Beteiligung in über 40 Bänden mit wissenschaftlichen Kommentaren herausgegeben.

Hans Rothe ist seit 1979 ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.