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03.04.2019, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 595. Sitzung

Vortrag: "Die Verkündigung an Maria als Konflikt. Hochmittelalterliche Perspektivierungen einer heilsgeschichtlich relevanten Entscheidungssituation"; Prof. Dr. Bruno Quast, Münster

In einer bereits im Mittelalter berühmten und breit überlieferten Homilie über  Lc 1, 26–38 aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts hat Bernhard von  Clairvaux die Verkündigung an Maria unter die Leitvorstellung vom günstigen  Zeitpunkt der Entscheidung gestellt. Denn erst die Zustimmung zur Verkündigung  durch Maria besiegelt die Zukunft der Menschheit. Und ihre Antwort  lässt auf sich warten. Bernhard ist offenbar fasziniert von der Spannung, die  sich zwischen dem günstigen Augenblick der Entscheidung und dem irritierenden  Abwarten der Gottesmutter aufbaut. Er gestaltet die Verkündigung als  ein Entscheidensdrama, über dem unerbittlich das drohende „Zu-Spät“ der  Entscheidung schwebt.  Um 1200 oder in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts hat ein unbekannter  eifriger Leser Bernhards diese Homilie in eine volkssprachliche heilsgeschichtliche  Erzählung integriert. In der volkssprachlichen Adaptation wird die Vorstellung  vom Zeitdruck der Entscheidung zwar beibehalten, das drohende  „Zu-Spät“ der Entscheidung bleibt aber ausgeblendet. Hinter den beiden  unterschiedlich ausfallenden Verkündigungsszenarien stecken also offenbar  konkurrierende theologische Narrative.  Bernhards Homilie und der volkssprachliche Erzähltext sollen erstmals einem  Vergleich unterzogen und entscheidungstheoretisch befragt werden. Der Vortrag  knüpft in seiner theoretischen Perspektive an aktuelle Fragestellungen  und Arbeiten des Sonderforschungsbereichs 1150 ‚Kulturen des Entscheidens’  an der Universität Münster an.    

Prof. Dr. Bruno Quast studierte Germanistik und Katholische Theologie an der  Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 1993 wurde er an der Ludwig-  Maximilians-Universität München im Fach Deutsche Literatur des Mittelalters  mit einer Arbeit über radikalreformatorische Friedensdiskurse promoviert.  Von 1993 bis 1999 war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Deutsche  Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität. 1999 habilitierte er sich  dort im Fach Deutsche Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit.  Nach Lehrstuhlvertretungen in München und Tübingen erhielt er 2003 einen  Ruf auf eine C3-Professur für Deutsche Literatur mit Schwerpunkt Mittelalter  an der Universität Konstanz. 2009 folgte er einem Ruf auf eine W3-Professur  für Deutsche Philologie (Literatur des Mittelalters) am Germanistischen  Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sein Forschungsfeld  ist die volkssprachliche Literatur des 12.-16. Jahrhunderts, mit einem Schwerpunkt  auf der höfischen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts. Sein Forschungsinteresse richtet sich auf die vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen  geistlicher und weltlicher Literatur. 

Bruno Quast ist seit 2017 ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen  Akademie der Wissenschaften und der Künste.