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05.06.2019, 15:00 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 596. Sitzung

Vortrag 1: "Zur Universalität des römischen Rechts"; Prof. Dr. Rolf Knütel, Bonn. Vortrag 2: "Der europäische Verbraucher im deutschen Verfahrensrecht"; Dr. Susanne Lilian Gössl, Bonn

Vortrag 1

Das antike römische Recht wurde nach einer über ein Jahrtausend währenden  Entwicklung – mit einer klassischen Phase hoher Vollkommenheit während  des Prinzipats – von dem oströmischen Kaiser Justinian I. in seinem monumentalen  Gesetzgebungswerk, dem später sog. Corpus iuris civilis, in den  Jahren 533 und 534 publiziert. Zu seiner Gesetzgebung, die nur den zwanzigsten  Teil des seinerzeit vorliegenden Materials in bereinigter und geordneter  Sammlung umfasst, bestimmte der Kaiser, sie solle für alle Zeiten gelten. Mit  der Erneuerung der Rechtswissenschaft in Italien, die Ende des 11. Jahrhunderts  von Bologna ausging, kam es zu einer wissenschaftlichen Erschließung  des im Corpus iuris, vor allem in dessen Herzstück, den 50 Büchern der  Digesten/Pandekten, überlieferten Rechts. Dieses betrifft im Schwerpunkt das  Privat- und Prozeßrecht, hat aber auch öffentliches Recht und Strafrecht zum  Gegenstand. Seit dem 14. Jh. dringt dieses Recht (auch in Modifizierungen  durch das Kirchenrecht) in die juristische Praxis ein. Das führt in den folgenden  Jahrhunderten in unterschiedlichem Ausmaß zur Rezeption römischen  Rechts und Rechtsdenkens vor allem in West- und Mitteleuropa.  Schwerpunkt des Vortrags werden die Fragen sein, auf welchen Wegen und  aus welchen Gründen es dahin gekommen ist, dass wir heutzutage römischrechtliche  Regeln und Entscheidungen auf allen Kontinenten antreffen,  zunehmend z. B. in der jüngeren Gesetzgebung der VR China, und dass wir  etwa Reimporte des römischen Rechts ebenso beobachten können wie dessen  Berücksichtigung beim EuGH. 

Prof. Dr. Rolf Knütel, hat 1963 sein erstes juristisches Staatsexamen am  Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg abgelegt. In Hamburg wurde er  1968 zum Doktor der Rechte promoviert. Am Hanseatischen Oberlandesgericht  Hamburg legte er 1970 sein zweites juristisches Staatsexamen ab. Er war  von 1970 - 1975 wissenschaftlicher Assistent am Institut für Römisches Recht und vergleichende Rechtsgeschichte der Universität Hamburg. Dort habilitierte  er sich 1973 in den Bereichen Römisches Recht und Bürgerliches Recht.  Dort war er dann auch bis 1976 wissenschaftlicher Rat und Professor. 1977  erhielt er einen Ruf an die Universität Bonn, wo er bis 2005 ordentlicher  Professor am Institut für Römisches Recht und vergleichende Rechtsgeschichte  war.  Die Forschungsschwerpunkte von Rolf Knütel sind römisches Privatrecht,  bürgerliches Recht, geschichtliche Rechtsvergleichung, Übersetzung des  Corpus Ioris Civilis.  Rolf Knütel ist seit 1989 ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen  Akademie der Wissenschaften und der Künste. 

Vortrag 2  

Verbraucherschutz ist ein stets aktuelles Thema. Auch die EU hat das Thema  seit über drei Jahrzehnten entdeckt. Es geht ihr nicht nur um den Schutz des  Verbrauchers, sondern auch darum, den Binnenmarkt und den Handel zu  fördern. Sie baut Hindernisse ab, die typischerweise den Unternehmer-Verbraucher-  Handel (B2C) verhindern können und harmonisiert hierdurch  zugleich einen zunehmenden Teil der Regelungen des Handelsverkehrs. Der  Verbraucher als der wirtschaftlich und rechtlich unerfahrenere soll in die Lage  versetzt werden, mit dem Unternehmer wie „auf Augenhöhe“ verhandeln zu  können. Umgekehrt soll dem Unternehmer Sicherheit an der einheitlichen  Anwendung des Rechts binnenmarktweit geboten werden.  Jedes Recht hängt von seiner Durchsetzung vor Gericht oder durch andere  Mechanismen ab. Das Verfahrensrecht ist eine Materie, die traditionell den  nationalen Rechtsordnungen und nicht der EU überlassen bleibt.  An nationalen Regeln, die daran anknüpfen, dass die Parteien bereits „auf  Augenhöhe“ sind und daher keine Stärkung der schwächeren Seite vorsehen,  können sowohl die informationelle Stärkung des Verbrauchers als auch die  Vorhersehbarkeit der Rechtsanwendung scheitern. Der EuGH hat daher in  einer Reihe von Entscheidungen begonnen, dem nationalen Verfahrensrecht  Vorgaben zu machen, um eine effektive Rechtsdurchsetzung im B2C-Verhältnis  zu gewährleisten und zugleich die Verfahrensrechte der Beteiligten zu  wahren.  Untersucht werden die Regelungen des deutschen Verfahrensrechts, welche  die Autonomie der Parteien im Verfahren stärken und schützen. Dargestellt  wird, inwieweit diese nationalen Regelungen auf die Besonderheiten der  prozessualen B2C-Situation reagieren müssen, um die Interessen des nationalen  und des europäischen Rechts angemessen umzusetzen. 

Dr. Susanne Gössl, geboren 1984, studierte von 2003–2010 Rechtswissenschaften  in Köln, Neapel und New Orleans (Louisiana) und promovierte 2013  in Köln zu Fragen des anwendbaren Rechts in Internetkonstellationen. Sie absolvierte  ihr Referendariat in Hamburg, bei der Weltbank in Washington, D.C.,  und in Santiago de Chile. Seit 2014 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin und  Habilitandin, seit Juli 2015 Akademische Rätin am Institut für Deutsches,  Europäisches und Internationales Familienrecht (Prof. Dr. Nina Dethloff,  LL.M.) der Universität Bonn. 2015 wurde sie als Sachverständige im Rechtsausschuss  des Bundestags zur Umsetzung der EU-Richtlinie zu alternativer  Streitbeilegung in Verbrauchersachen angehört. Weiterhin ist sie Koordinatorin  des „Jungen Forums“, eines interdisziplinären Gesprächskreises für Habilitanden  in Bonn und Gründerin der Gruppe des Wissenschaftlichen Nachwuchses  im Internationalen Privatrecht in Deutschland. 2019 ist sie Inhaberin  des Marcel Storme Chair an der Universiteit Gent.  Susanne Gössl ist seit 2016 Mitglied des Jungen Kollegs der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.