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06.11.2019, 14:30 Uhr

Klasse für Geisteswissenschaften, 599. Sitzung

Vortrag 1: „Adel verpflichtet!“ – Die Ansprüche junger Nobiles als Herausforderung der Römischen Republik im 2. Jh. v. Chr. Dr. Jan-Markus Kötter, Düsseldorf (Junges Kolleg); Vortrag 2: "Gibt es den objektiven Geist?" Prof. Dr. Ludwig Siep, Münster;

Vortrag 1

Die Aristokratie der Römischen Republik war durch ihre politische Betätigung charakterisiert, durch die der aristokratische Status eines Individuums an sich überhaupt erst konstituiert wurde. Eine klassische Definition von Christian Meier hat in diesem Sinne nichts von ihrer Gültigkeit verloren: „Wer Politik trieb, gehörte zum Adel, und wer adelig war, trieb Politik.“ Zu Recht wird das politische System des republikanischen Rom insofern als eine „Meritokratie“ beschrieben, in der die individuelle Statuszuweisung eng von den Verdiensten um die Republik abhing. Diese idealtypische Zusammensetzung der römischen Aristokratie als reiner „Amtsadel“ ist aber nur eine Seite der Medaille: Zu den vielen eigentümlichen Ambivalenzen der politischen Kultur der Römischen Republik gehört es, dass gerade die direkten Nachkommen verdienter Aristokraten per se einen gewissermaßen ererbten Anspruch erhoben, ebenfalls in Amt und Würden für das Gemeinwesen wirken zu dürfen, ohne zuvor unter Beweis stellen zu müssen, über entsprechende qualifizierende Fähigkeiten zu verfügen. Auf dieser Grundlage fanden sich im zweiten Jahrhundert v. Chr., in der Zeit der sogenannten „klassischen Republik“, vor allem Mitglieder der führenden Familien immer wieder dazu bereit, den (amts-)adligen Komment zugunsten des eigenen Fortkommens zu missachten, wobei sie die Prominenz ihrer Ahnen als Wettbewerbsvorteil im Ringen um die umkämpften Ämter und Militärkommanden in die Waagschale warfen. Gleichzeitig kam es aber vermehrt zu gesetzlichen Regelungen, die darauf abzielten, entsprechende Wettbewerbsvorteile im politischen Wettbewerb zu neutralisieren. Diesem Spannungsverhältnis, das als einer der maßgeblichen Faktoren für die spezifische Dynamik der konfliktträchtigen inneraristokratischen Beziehungen in der mittleren Republik gesehen wird, widmet sich die in Entstehung begriffene Habilitation von Jan-Markus Kötter, der einige ausgewählte Aspekte seiner Untersuchung präsentieren wird.


Dr. Jan-Markus Kötter (Jahrgang 1983) arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes studierte er von 2002 bis 2008 Geschichtswissenschaften und Evangelische Theologie in Bielefeld, Uppsala und Bonn. Seine Promotion im Fach Alte Geschichte erfolgte 2011 im Rahmen des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Hier erhielt seine Dissertationsschrift „Zwischen Kaisern und Aposteln. Das Akakianische Schisma (484–519) als kirchlicher Ordnungskonflikt der Spätantike“ den Dissertationspreis des Stiftungsfonds Kopper. Im Anschluss ging Kötter nach Düsseldorf, wo er von 2012 bis 2017 im NRW-Akademieprojekt „Kleine und fragmentarische Historiker der Spätantike“ arbeitete und ab 2018 im DFG-Projekt „Scipio Aemilianus und die Strategien im Wettbewerb römischer Aristokraten“ seine Habilitation anfertigen wird. Jan-Markus Kötter ist seit Januar 2018 Mitglied im Jungen Kolleg der Nordrhein- Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. 

Vortrag 2

Die deutsche Tradition des Begriffes „Geisteswissenschaften“ hat ihre Herkunft in der Hegelschule. Hegels Geistbegriff ist aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder „überwunden“ worden. Heute bestreiten nicht nur Anhänger der Naturalisierung des Geistes ein solches „Gespenst“, auch in den „Kulturwissenschaften“ wird seit Strukturalismus und Poststrukturalismus die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“ (Kittler 1988) gefordert. Es gibt aber auch Bestrebungen, den Begriff des „objektiven Geistes“ zu aktualisieren. Er kann als gegenständlicher Ausdruck von „Wir-Intentionen“, als institutionell geregelte gemeinsame Lebensform oder als kulturelles Gedächtnis (Assmann) verstanden werden. Texte und materiale Zeugnisse vergangener und gegenwärtiger Kulturen als objektiven Geist zu betrachten, hieß aber bei Hegel auch, Fortschritte der Selbsterkenntnis und Handlungsfreiheit zu identifizieren. Geschichtsphilosophien des Fortschritts gelten heute freilich ebenfalls als obsolet. Was bleibt dann noch von der Idee des objektiven Geistes? Ohne normative Kriterien wie Freiheit und Gerechtigkeit scheint sich das Studium der kulturellen Zeugnisse nicht wesentlich von dem des „Reichtums“ der Natur oder der vielfältigen Funktionen sozialer und technischer Systeme zu unterscheiden. Kultur als objektivierten Geist zu verstehen, verlangt zumindest, kulturelle Zeugnisse auch nach der Lösung von Problemen, der Vermeidung von Irrtum und Schuld, der Verbesserung von Institutionen (Recht, Religion, Bildung) oder nach Graden der Vollkommenheit (Kunst) zu befragen. Es impliziert also evaluative und normative Fragestellungen. Lässt sich das mit der Wertfreiheit der (Geistes)Wissenschaft vereinbaren?


Prof. Dr. Ludwig Siep studierte Philosophie, Germanistik, Geschichte und politische Wissenschaften an den Universitäten Köln und Freiburg (1962– 1969). Nach seiner Promotion 1969 war er wissenschaftlicher Assistent am Philosophischen Seminar der Universität Freiburg. 1976 war er visiting assistant professor an der Princeton University. Nach der Habilitation in Freiburg 1976 hatte er Lehrstuhlvertretungen in Heidelberg und Berlin (FU) inne. 1979–1986 war er ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität- GH Duisburg. 1986 war er visiting full professor an der Emory University (Atlanta/USA). Von 1986–2011 war er Professor und Direktor des Philosophischen Seminars an der Universität Münster. Seit seiner Emeritierung 2011 ist er Seniorprofessor am Exzellenzcluster Religion und Politik der Universität Münster. Sein Forschungsfeld ist die Systematik und Geschichte der praktischen Philosophie, sowie die allgemeine und angewandte Ethik. Er ist seit 1993 Ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste sowie seit 2002 Korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Von 1999–2003 war er Mitglied des Ethik-Beirates des Bundesministeriums für Gesundheit und von 2002– 2011 Vorsitzender der Zentralen Ethik-Kommission für Stammzellforschung beim Robert-Koch-Institut in Berlin. Er war Fachgutachter der DFG (1988–1992) und fellow verschiedener Wissenschaftskollegs (Max-Weber Kolleg Erfurt, Bogliasco-Stiftung Genua, Kulturwissenschaftliches Institut NRW). Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher über die Philosophie des Deutschen Idealismus sowie über Ethik, darunter Kommentare über Hegels Phänomenologie des Geistes (5. Aufl. 2018, engl. 2014, span. 2015) und John Lockes Zweite Abhandlung über die Regierung (3. Aufl. 2018).