AWK - Forschungstag des Jungen Kollegs 2017

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Wahrheit(en). Wissenschaft und Gesellschaft im Zeitalter des "Postfaktischen"

Forschungstag des Jungen Kollegs am 20. Oktober 2017

Auch auf dem 11. Forschungstag des Jungen Kollegs wurde über eine aktuelle und brisante Fragestellung debattiert. Das hob der Präsident der Akademie, Prof. Dr. Wolfgang Löwer, in seiner Begrüßung lobend hervor und freute sich besonders über die Anwesenheit der Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Isabel Pfeiffer-Poensgen.

In ihrem Grußwort äußerte sich die Ministerin anerkennend über das Junge Kolleg: In den elf Jahren seines Bestehens konnte es über NRW hinaus Bekanntheit erlangen und damit auch zum Renommee der Akademie beitragen.

Nach der Begrüßung durch den Sprecher des Jungen Kollegs (JK), Dr. Steffen Freitag, führte JK-Mitglied Dr. Sabrina Disch in das Thema ein. Sie meldete aktuelle, besorgniserregende Zahlen vom Wissenschaftsbarometer 2017, wonach jeder zweite Befragte der Wissenschaft nicht vertraute. Dieser Vertrauensverlust müsse aufgehalten werden.

„Wir brauchen eine Ausbildung in Wissenschafts-Kommunikation und dies muss als transdisziplinäre Aufgabe verstanden werden“, forderte Akademiemitglied Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Quante, Philosophieprofessor mit dem Schwerpunkt Praktische Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Wissenschaftler sollten ihre Erkenntnisse so kommunizieren, dass sie auch dort verstanden werden, wo Wissenschaft ein Fremdwort ist. Abgesehen davon, dass in der Wissenschaft von Wahrheit eigentlich nur im Plural gesprochen werden kann – denn sie ist immer abhängig von der fachlichen Perspektive – hielt Michael Quante eine „Haltung der Wissenschaftlichkeit“ für viel wichtiger. Diese sollte eine methodisch kontrollierte Überpüfbarkeit der geäußerten „Wahrheiten“ ermöglichen. Er plädierte in seinem Vortrag „Von der Wahrheit in Zeiten des Postfaktischen: Reflexionen der Herausforderung der Wissenschaft“ dafür, Wissenschaftlichkeit als Haltung besonders in der Lehrerausbildung zu vermitteln.

Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung war schon in der griechischen Antike eine Herausforderung für die Demokratie. In seinem Vortrag „Wahrheit und Täuschung in der direkten Demokratie des klassischen Athen“ beschrieb PD Dr.

Christoph Michels (JK) von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen die Mechanismen der rhetorischen Manipulation in der Demokratie vor rund zweieinhalbtausend Jahren. Ob Täuschung als Mittel der Redekunst anerkannt werden sollte, war immer wieder umstrittenes Thema in der Ekklesia, der Volksversammlung unter freiem Himmel, zu der allerdings unfreie Bürger und Frauen keinen Zutritt hatten.

Was heute ein Negativschlagwort für ein Massenphänomen ist, wurde vor einigen Jahren noch liebevoll „Ente“ genannt. Falschmeldungen sind durch ihre anonyme, schnelle Verbreitung auch juristisch eine Herausforderung geworden. In ihrem gemeinsamen Vortrag „Fake News – Zum rechtlichen Umgang mit Unwahrheiten“ haben Junior-Professorin Dr. Elisa Hoven (JK) von der Universität zu Köln und Dr. Alexander Scheuch (JK) von der Universität Münster die bestehenden straf- und zivilrechtlichen Instrumente anhand von Beispielen charakterisiert. Sie stellten auch das neu geschaffene „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ (NetzDG) vor, das speziell gegen Hetze und gefälschte Meldungen in sozialen Netzwerken gerichtet ist.

Mehr Berichterstattung bedeutet nicht unbedingt mehr Wissen und Wahrheit. Im Gegenteil haben zahlreiche Studien in den USA immer wieder gezeigt, dass mehr Informationen – auch gegenteilige – lediglich die eigene Haltung bestärken. „Bestätigungsfehler“ wird dieses paradoxe psychologische Phänomen genannt, dem sich Dr. Markus Dertwinkel-Kalt (JK) von der Universität zu Köln in seinem Vortrag widmete. Das Thema war „Psychologie und Wahrheit: Wieso Fakten der Wahrheitsfindung nicht dienlich sein müssen“.

In ihrem Vortrag „Fiktionale Texte und authentisches Spiel“ schilderte die Literaturwissenschaftlerin Dr. Lore Knapp (JK) von der Universität Bielefeld, dass die Suche nach Wahrhaftigkeit besonders intensiv im zeitgenössischen Theater stattfindet. Sie zitierte den Regisseur Christoph Schlingensief, der den Theaterraum als wissenschaftliche Forschungsfläche begriff, auf der die rastlose Suche nach Wahrhaftigkeit und Wahrheit immer wieder neu inszeniert wird.

Computersimulationen sind allgegenwärtig, zum Beispiel im täglichen Wetterbericht, der sich auf Klimamodelle stützt. Dr. Julia Kowalski (JK) von der RWTH Aachen ist Nachwuchsgruppenleiterin an der Aachener Graduiertenschule für computergestützte Natur- und Ingenieurwissenschaften. Dort arbeitet sie mit Computermodellen in der Naturgefahrenforschung, zum Beispiel mit Schneelawinen-Simulationen. Aber auch bei der Erforschung des Klimawandels werden Computermodelle eingesetzt, die beispielsweise den Anstieg des Meeresspiegels prognostizieren sollen. In ihrem Vortrag „Wahrheit und Simulation: Wie viel Realität steckt in Computermodellen?“ betonte die Mathematikerin, dass der jeweilige Zweck exakt definiert werden muss, damit Modelle die Wirklichkeit zwar vereinfacht, aber realistisch darstellen können.

Anhand der Determinanten von Säuglingssterblichkeit zeigte Akademiemitglied Prof. Dr. Walter Krämer in seinem Vortrag „Statistik: Entdecker oder Vertuscher von Wahrheit?“ beispielhaft, wie Statistik die Realität verzerren kann. Wenn in Venezuela der Tod von Säuglingen erst nach deren Taufe registriert wird, kann die Säuglingssterblichkeit in Deutschland statistisch gesehen höher liegen. Der Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik erläuterte, wie Falschmeldungen aus Dummheit zustande kommen, weil Statistiken nicht richtig gelesen werden. Andere Meldungen aber desinformieren mit Absicht, wenn aus Korrelationen falsche Kausalbeziehungen abgeleitet werden. Er nannte das Beispiel Fukushima, wo 16.000 Tote als Opfer des zerstörten Atomkraftwerks genannt wurden. Tatsächlich aber erlitt im Reaktor ein einziger Mensch einen tödlichen Unfall, Verursacher des Massensterbens seien der Tsunami und seine Folgen gewesen.

Welche Modelle, Auffassungen und Ideale es von „Wahrheit(en)“ in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen gibt, wurde an diesem Forschungstag eindrucksvoll vorgestellt – moderiert in der ersten Session von PD Dr. Andrea U. Steinbicker (JK), Universität Münster, und in der zweiten Hälfte von Junior-Professorin Dr. Michaela Geierhos (JK), Universität Paderborn.

Begrüßung durch Prof. Dr. Wolfgang Löwer, Präsident der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Begrüßung durch Prof. Dr. Wolfgang Löwer, Präsident der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Grußwort: Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Grußwort: Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Dr. Steffen Freitag, Sprecher des Jungen Kollegs (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Einführung: Dr. Sabrina Disch, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Moderation: PD Dr. Andrea U. Steinbicker, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Von der Wahrheit in Zeiten des Postfaktischen: Reflexionen der Herausforderung der Wissenschaft, Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Quante, Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Von der Wahrheit in Zeiten des Postfaktischen: Reflexionen der Herausforderung der Wissenschaft, Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Quante, Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Wahrheit und Täuschung in der direkten Demokratie des klassischen Athen, PD Dr. Christoph Michels, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Wahrheit und Täuschung in der direkten Demokratie des klassischen Athen, PD Dr. Christoph Michels, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Fake News - Zum rechtlichen Umgang mit Unwahrheiten, Jun.-Prof.‘in Dr. Elisa Hoven, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Fake News - Zum rechtlichen Umgang mit Unwahrheiten, Jun.-Prof.‘in Dr. Elisa Hoven, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Dr. Alexander Scheuch, (JK), Fake News - Zum rechtlichen Umgang mit Unwahrheiten, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Dr. Alexander Scheuch, (JK), Fake News - Zum rechtlichen Umgang mit Unwahrheiten, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Diskussion: Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Moderation: Jun.-Prof.‘in Dr. Michaela Geierhos, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Psychologie und Wahrheit: Wieso Fakten der Wahrheitsfindung nicht dienlich sein müssen, Dr. Markus Dertwinkel-Kalt, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Fiktionale Texte und authentisches Spiel, Dr. Lore Knapp, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Fiktionale Texte und authentisches Spiel, Dr. Lore Knapp, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Wahrheit und Simulation: Wie viel Realität steckt in Computermodellen?, Dr. Julia Kowalski, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Wahrheit und Simulation: Wie viel Realität steckt in Computermodellen?, Dr. Julia Kowalski, (JK), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Statistik: Entdecker oder Vertuscher von Wahrheit?, Prof. Dr. Walter Krämer, (Akademiemitglied), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann
Statistik: Entdecker oder Vertuscher von Wahrheit?, Prof. Dr. Walter Krämer, (Akademiemitglied), Forschungstag des Jungen Kollegs 2017, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste Foto: AWK NRW/ Andreas Endermann

Programm

Begrüßung

  • Prof. Dr. Wolfgang Löwer, Präsident der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste


Grußworte

  • Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
  • Dr. Steffen Freitag, Sprecher des Jungen Kollegs (JK)

 

Einführung

  • Dr. Sabrina Disch, (JK), Universität zu Köln

Session 1 - Vorträge

  • Von der Wahrheit in Zeiten des Postfaktischen: Reflexionen der Herausforderung der WissenschaftProf. Dr. Dr. h.c. Michael Quante, (Akademiemitglied), Universität Münster
  • Wahrheit und Täuschung in der direkten Demokratie des klassischen Athen
    PD Dr. Christoph Michels, (JK), RWTH Aachen
  • Fake News - Zum rechtlichen Umgang mit UnwahrheitenJun.-Prof.‘in Dr. Elisa Hoven, (JK), Universität zu Köln und Dr. Alexander Scheuch, (JK), Universität Münster


Podium und Publikumsdiskussion I

  • Moderation: PD Dr. Andrea U. Steinbicker, (JK), Universität Münster


Session 2 - Vorträge

  • Psychologie und Wahrheit: Wieso Fakten der Wahrheitsfindung nicht dienlich sein müssen
    Dr. Markus Dertwinkel-Kalt, (JK), Universität zu Köln
  • Fiktionale Texte und authentisches Spiel
    Dr. Lore Knapp, (JK), Universität Bielefeld
  • Wahrheit und Simulation: Wie viel Realität steckt in Computermodellen?
    Dr. Julia Kowalski, (JK), RWTH Aachen
  • Statistik: Entdecker oder Vertuscher von Wahrheit?
    Prof. Dr. Walter Krämer, (Akademiemitglied), TU Dortmund

Podium und Publikumsdiskussion II

  • Moderation: Jun.-Prof.‘in Dr. Michaela Geierhos, (JK), Universität Paderborn