AWK - Peter Weibel

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#Zeitzeugnis2020: Professor Dr. Dr. Peter Weibel


Das ZKM Live-Streamingsfestival. Eine Kulturinstitution geht auf Sendung


"Die Idee war einfach: so viele Menschen wie möglich erreichen und so viel Partizipation wie nur möglich zu ermöglichen. Die Umsetzung wurde zu einer Herausforderung mit enormen Lernpotential. Das Ergebnis zu einem Höhenrausch mit einem glücklichen internationalen Publikum.

Wie alle anderen Kulturinstitutionen wurde auch das ZKM in seiner Ausstellungs- und Programmplanung durch die Corona-Krise überrascht. Veranstaltungen mussten abgesagt, Ausstellungen auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Doch genau dies war mit der Ausstellung Critical Zones. Horizonte einer neuen Erdpolitik nicht möglich – zu wichtig war und ist das Thema, zu aktuell für die Zeit der Pandemie – es wurde klar, wir müssen JETZT darüber reden, die Ausstellung muss JETZT der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Mittlerweile ist sich jede/r der existentiellen Bedrohung unserer (gemeinsamen) Lebensbedingungen auf dem Planeten Erde bewusst, doch nur sehr wenige besitzen eine Vorstellung davon, wie sie mit dieser neuen kritischen Situation umgehen sollen. Die BürgerInnen vieler entwickelter Länder wirken desorientiert; fast so, als würde man von ihnen verlangen, auf einem neuen Terroir – einer neuen Erde – zu landen, deren Reaktionen auf das menschliche Wirken sie lange ignoriert haben. Im Laufe der Jahre haben WissenschaftlerInnen zahlreiche Observatorien zur Untersuchung dieser Kritischen Zonen eingerichtet. Sie haben uns die komplexe Zusammensetzung und die extreme Zerbrechlichkeit dieser dünnen Haut der Erde vor Augen geführt, in der alle Lebensformen – auch die Menschen – zusammenleben müssen. Sie haben die Geowissenschaften auf vielfältige Weise erneuert, auf Wegen, die auch die Zustimmung Alexander von Humboldts gefunden hätten.

Die Gedankenausstellung Critical Zones, die sich als ein Observatorium der kritischen Zonen versteht, lädt dazu ein, sich mit der kritischen Lage der Erde auf vielfältige Art und Weise zu befassen und neue Modi des Zusammenlebens zwischen allen Lebensformen zu erkunden. BesucherInnen der Ausstellung und alle diejenigen, die sich mit dem Programm Critical Zones beschäftigen, können sich auf diese Weise mit der uns umgebenden Situation vertraut machen. (https://zkm.de/de/ausstellung/2020/05/critical-zones)

Wie also konnte eine „Öffnung“ des Themas, der Ausstellung zur Öffentlichkeit hin, aussehen? Wie konnten die Problematik, die Komplexität des Themas und zugleich Möglichkeiten im Finden von Lösungen gesucht und gefunden werden?


Die Telegesellschaft wird Wirklichkeit

Die geschlossene Gesellschaft, zu der wir verdammt sind, öffnet unsere Köpfe. Sie lässt uns begreifen: Unsere Systeme sind fragiler, als wir jemals dachten. Gerade entsteht die erste Ferngesellschaft der Menschheitsgeschichte. Die Massenmobilität kommt an ihr Ende. Der Globalisierung geht die Luft aus. Und: Die Telegesellschaft wird Wirklichkeit. Hätten die Regierenden die Systemtheorien beachtet, wüssten sie, dass ein System umso fragiler wird, je komplexer es ist. Die Chaostheorie weist darauf hin, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen kann (Edward Lorenz, 1961). Ein bis zwei Infizierte in der Millionenstadt Wuhan lösen eine Pandemie in ganz Europa aus. Minimale Abweichungen von Lebensbedingungen können indirekt zu einer Katastrophe des Systems führen, ja sogar zu einem Kollaps. Das ist genau die Wirkungsweise von Viren, von Computerviren bis Viren der Natur mit ihren systemdestabilisierenden Effekten. Sie attackieren sowohl den genetischen wie den informationellen Code. Weil sie hyperfunktional sind, verbreiten sie sich in den beschleunigten Zirkulationen der globalen Systeme rasant und erzeugen Katastrophen. Das Virus macht – metaphorisch gesprochen und positiv gewendet – die Lücken, die Mängel, die Defekte eines Systems sichtbar. Wie William S. Burroughs schrieb, die Drogennadel sticht in eine Lücke.

Von Defekten Demokratien (Wolfgang Merkel, Hans-Jürgen Puhle et al., 2003, 2006) bis zu defekten Verkehrs- und Gesundheitssystemen reichen die Lücken, herrschen Verspätungen, Verfehlungen, Versagen. In den sozialen Netzwerken macht man die Infodemie aus, denn nun trifft ein echtes Virus auf die Viralität der Medien. Die Medien verstärken die Effekte des realen Virus exponentiell, denn sie bilden einen Echoraum, einen Resonanzraum, der die Wirkung des Virus vervielfacht.

Da Körper im Zeitalter der Corona-Krise voneinander getrennt bleiben müssen, um Ansteckung zu vermeiden, gäbe es im Moment keine Kommunikation und keine Gemeinschaft. Nun können endlich die digitalen Technologien der Ferngesellschaft auftreten, die wir seit Jahrzehnten benutzen, um die Reste der Nahgesellschaft zu retten: Man sieht sich noch, man hört sich noch, man liest sich noch, zumindest per Internet, per Skype, per E-Mail, per Mobiltelefon etc. Man sieht fern per Fernseher, man hört fern per Telefon, etc. Ohne Ferntechnologien gäbe es überhaupt keine Nähe mehr. Die sozialen Bedürfnisse nach Nähe bleiben partiell erhalten, weil wir eben im Zeitalter der digitalen Technologien leben und deswegen noch kommunizieren können. Wir treten nun endgültig in die digitale Welt ein, in eine neue Form der Nähe, in die symbolische, zeichen- und nicht körperbasierte Nähe.

Würden wir nur in der Nahgesellschaft leben, gäbe es keine Kontakte und keine Kommunikation zwischen Menschen mehr. Also beginnt nun das Zeitalter der Ferngesellschaft, die auf digitalen Technologien der Fernkommunikation basiert. Das wird klarerweise die Gesellschaft langfristig radikal verändern. Mit dem COVID19 sind wir endgültig in die digitale Welt umgezogen.


Auszug der Kultur ins Netz und auf Online-Plattformen

Als ich in den 1990er-Jahren für virtuelle Welten und Online-Kommunikation votierte, stand ich auf verlorenem Posten. Meine erste Ausstellung im ZKM 1999 hieß net_condition und trug den Untertitel Kunst/Politik im Online-Universum. Ich war damals ein einsamer Rufer in der Wüste des Realen. Heute ist diese Wüste überbevölkert. Die Kultureinrichtungen überschlagen und überbieten sich mit digitalen Initiativen. Bund und Länder, die bisher wenig, kaum oder gar keine Mittel für die Digitalisierung der Museen bereitstellten und diesbezügliche Gesuche abwiesen, bieten nun von sich aus finanzielle Unterstützungen für digitale Extensionen an. Aufgrund der Corona-Krise ist plötzlich notwendig und wünschenswert geworden, was bisher unmöglich schien. Der Auszug der Kultur ins Netz und auf Online-Plattformen ist nun unausweichlich und irreversibel. Die Kultur und auch die Gesellschaft sind nun endgültig in die digitale Welt katapultiert worden.

Für das ZKM ist dieser Zustand nicht neu. Im Gegenteil – es wurde mit der Mission gegründet, die Kunst in das digitale Zeitalter zu überführen. „Wer, wenn nicht wir?“ – was zu einem Leitspruch der Mitarbeiter während der Vorbereitungen des Streamingfestivals wurde, wurde von allen Seiten – sei es die Kulturstiftung des Bundes oder des Ministeriums – an uns herangetragen.

Um das aktuelle Thema in die Köpfe der Menschen zu bringen und eine intensive Auseinandersetzung anzuregen, musste wir ein Format schaffen, das zum einen das Wissen vermittelt, zum anderen aber zugleich Austausch ermöglicht. So entstand die Idee zu einem digitalen Live-Festival: eine Kombination aus Ausstellungeröffnung mit Führungen, Symposium, Filmscreenings, der Aufführung eines Theaterstücks, Diskussionen.

Eine weitere Herausforderung bildetet die Tatsache, dass die physische Ausstellung aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht rechtzeitig aufgebaut werden konnte – Kunsttransporte waren nicht möglich, Künstler konnten nicht anreisen und Ihre Werke aufbauen. Wie konnten wir also eine Ausstellung eröffnen, die noch nicht existierte? Das ZKM-Team fand auch hierfür eine Lösung. Es gelang die Schlüsselinstallation im Eingangsbereich – das Observatorium – unter Mithilfe der aus Paris agierenden Künstler rechtzeitig fertigzustellen.

Zusätzlich dazu wurde innerhalb von nur fünf Wochen mit einer Medienagentur und ihren Entwicklern eine digitale Plattform hochgezogen, auf der in einer bis dahin einmaligen Weise die Ausstellung ihre Abbildung findet. Künstler der Ausstellung wurden gebeten ihre Werke auch digital zu denken, so dass diese auf der Plattform eine Abbildung finden. Die Plattform an sich ist ungewöhnlich: Jeder Zugriff stellt eine „Entität“ dar und verändert den virtuellen Ausstellungsraum – ein Besuch dieser Ausstellung ist niemals gleich! (https://critical-zones.zkm.de/#!/)


ZKM erlebt ersten Live-Sende-Marathon seiner Geschichte

Am letzten Wochenende im Mai von Freitag, den 22.5. bis Sonntag, den 24.05.2020 erlebte das ZKM dann den ersten Live-Sende-Marathon in seiner dreißigjährigen Geschichte. (Aufnahmen vom Wochenende: https://zkm.de/de/critical-zones-streamingfestival) Der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour, der seit über 20 Jahren mit dem ZKM verbunden ist und mit mir gemeinsam mit der Ausstellung Critical Zones die Reihe der Gedankenausstellungen (Iconoclash 2002, Making Things Public 2005, Reset Modernity 2016) fortsetzte, wurde live aus seinem Landhaus in Frankreich zugeschaltet. Mit ihm und den ebenfalls live aus Paris zugeschalteten Künstlern führten wir live durch die Schlüsselinstallation der Ausstellung.

Mit WissenschaftlerInnen aus Frankreich, Großbritannien und den USA diskutierten wir zwei Tage lang die Problematik, Komplexität aber auch mögliche Lösungen für und in den kritischen Zonen.

Auch am Samstag Abend wurde diskutiert. Diesmal mit Karen Holmberg (Archäologin, Umweltwissenschaftlerin) und Jérôme Gaillardet (Geochemiker) sowie mit Dipesh Chakrabarty (Historiker), Emanuele Coccia (Philosoph) und Vinciane Despret (Wissenschaftsphilosophin, Ethologin).

Alle englischsprachigen Vorträge und Gespräch wurden synchron ins Deutsche übersetzt, besteht doch die größte Herausforderung darin, so viele wie möglich bei diesem Projekt mitzunehmen.

Und während tagsüber Workshops zum Questionnaire „Wo landen?“ (https://ouatterrir.medialab.sciences-po.fr/#/) von Bruno Latour stattfanden, mit denen Teilnehmer aus aller Welt an ihrer Selbstverortung und Reflektion der eigenen Situation in den kritischen Zonen arbeiteten, bereiteten wir das weitere Live-Programm des Abends vor. Das Filmscreenig zu Donna Haraway, die im Anschluss mit uns und dem Publikum über die Situation diskutierte, bildete ebenso einen mehr als wertvollen Beitrag wie auch der eigens für das ZKM vom Nobelpreisträger Adam Riess aufgezeichnete Vortrag über unser Universum.

Die Notwendigkeit dieser vom ZKM in einer neuen Weise gebündelten Formate, die uns das digitale Zeitalter ermöglicht, wurden bereits am ersten Abend sichtbar. Zugriffe aus den USA, Spanien, Frankreich, Großbritannien, natürlich Deutschland aber auch Südkorea und China überraschten selbst uns. Rund 35.000 ZuschauerInnen verfolgten das dreitägige Streaming-Festival zur Eröffnung der Ausstellung Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik. Mehr als 1.000 TeilnehmerInnen der Critical-Zones-Telegram-Gruppe begleiteten das gesamte Festival 72 Stunden lang und bereicherten es durch anregende Gedanken, Diskussionen, viele gute Worte und interessante Hinweise.

Das Festival stellt für das ZKM ein große Learning dar: an seinen Fähigkeiten gewachsen, wurden neue Kompetenzen hineingebracht. Keine Agentur, kein Fernsehsender war hier beteiligt – mit eigenen Kapazitäten und einem learning by doing entstand hier eine neue Form der partizipativen Kulturvermittlung im digitalen Raum.

Ohne ein Team von lernwilligen, geistig offenen und zu begeisternden Kollegen wäre das nicht möglich gewesen. Es erfüllt mich daher mit einem gewissen Stolz, dieses Schiff ZKM mit einer solchen Mannschaft durch die viralen Stürme zu manövrieren."

Weitere Zeitzeugnisse finden Sie hier

Der erste Blick in die wachsende Ausstellung "Critical Zones"
Sendestudio ZKM, im Lichthof der Ausstellung "Critical Zones"
Bruno Latour im Gespräch mit Peter Weibel (vor den Monitoren), der Geochemikerin Marie- Claire Pierret, und den Künstlern Alexandra Arènes (Architekturwissenschaftlerin) und Soheil Hajmirbaba (Architekt)
Wir im Gespräch mit Bruno Latour, Jan Zalasiewicz (Geologe, Paläontologe), Jennifer Gabrys (Medien-, Kultur- und Umweltsoziologin) und Eyal Weizman (Architekt)
Wir im Gespräch mit Tim Lenton (Klimawandel- und Erdsystemwissenschaftler), Sébastien
Dutreuil (Wissenschaftsphilosoph) und Simon Schaffer (Wissenschaftshistoriker)
Die Synchronübersetzerinnen begleiteten uns das gesamt Wochenende.
Donna Haraway im Gespräch mit Bruno Latour und Peter Weibel
Redaktionsbesprechung in Corona-Zeiten vor dem Live-Einsatz
Die Videoregie sowie die Redaktion, die 72 Stunden lang alle Kanäle des ZKM begleitete und bespielte.
Voller Einsatz war gefragt: Die Aufnahmeleiterin auf der Suche nach einer besseren Positionen, damit ihre Zeichen auch von mir gesehen werden.
Ohne Humor ging es nicht, auch die Moderatorinnen brachten alle Energien auf, die Mannschaft bei Laune zu halten.