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11.12.2016

„Luhmann und die Kultur“ – hochkarätiges Podium diskutiert Wirkung des Bielefelder Soziologen

Welchen Einfluss hatte und hat Niklas Luhmann, einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, auf Kunst, Literatur, Rechtsprechung, Religion und den Massenmedien? Dieser Frage ging eine prominent besetzte Diskussionsrunde am 08.12.2016 in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste in Düsseldorf nach.

v.l.n.r.: Prof. Dr. Bazon Brock, Frederick D. Bunsen, Prof. Dr. Rudolf Stichweh, Prof. Dr. Dierk Starnitzke,

An der Universität Bielefeld wird seit 2015 der Nachlass dieses außergewöhnlichen Wissenschaftlers erschlossen. Die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste fördert dort im Rahmen des Akademienprogramms das Langzeitforschungsprojekt „Niklas Luhmann – Theorie als Passion. Wissenschaftliche Erschließung und Edition des Nachlasses“.  Der Leiter der dortigen Forschungsstelle Prof. Dr. André Kieserling hatte für die Podiumsdiskussion unterschiedliche Persönlichkeiten zusammengeführt, die durch ihre Tätigkeit in Kontakt mit der Theorie oder auch der Person Niklas Luhmanns gekommen sind: den Rechtswissenschaftler Prof. Dieter Simon, den Kunsttheoretiker Prof. Bazon Brock, den Religionswissenschaftler Prof. Dierk Starnitzke, den FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube und den Künstler Frederick Bunsen.

In seiner Einführung beschrieb Prof. Dr. André Kieserling die große Breitenwirkung der Luhmannschen Theorie; ihm sei es wie kaum einem Zweiten gelungen, aus dem Inneren der Wissenschaft breit in die Gesellschaft zu wirken. In der von Prof. Dr. Rudolf Stichweh moderierten Runde gaben die Diskussionsteilnehmer Einblick in ihren ganz individuellen Zugang und die ersten Begegnungen mit Theorie und Person Luhmanns. Vielfach war es zunächst Zufall, der das Interesse an dem Bielefelder Soziologen entstehen ließ, sei es in Form eines kleinen Zeitungsartikels (Bunsen), eines zufällig besuchten Seminars (Kaube, Starnitzke) oder der Vorbereitung eines Habilitationsvortrages zum Thema „Gewissen“ (Simon). Prof. Bazon Brock wusste von Luhmanns besonderer Fähigkeit des Zuhörens zu berichten, die ihn von Anfang an fasziniert habe. Ein praktisches Beispiel für die Wirkung Luhmanns gab Prof. Dr. Dierk Starnitzke. Als Leiter einer diakonischen Einrichtung gibt die Luhmannsche Theorie Starnitzke einen Werkzeugkasten an die Hand, mit der er sowohl die Rolle der Diakonie als Organisation mit all ihren Bezügen zu Gesellschaft und Kirche reflektieren, als auch der Frage nachgehen kann, wie Religion als System dort inkludierend wirken kann, wo andere Systeme bereits exkludiert haben. Skeptisch blieb der FAZ-Chefredakteur Jürgen Kaube bei der Frage nach der Breitenwirkung im Journalismus. Zwar stelle er sich beim Zeitungsmachen immer wieder die Frage „Was würden die Massenmedien, wie sie Luhmann beschrieben hat, jetzt machen und wie können wir es anders machen?“, die Kenntnis und der Zugang zu Luhmann sei unter seinen Kolleginnen und Kollegen jedoch nicht wirklich weit verbreitet. Einig waren sich alle Teilnehmer darüber, dass die Theorie Luhmanns nach wie vor einen extrem hohen Erschließungswert für die Analyse unserer modernen Gesellschaft besitze. Wichtig sei es zudem „Luhmann über Luhmann hinaus zu denken“, also in den Feldern, die Luhmann nicht mehr beschreiben und analysieren konnte (z.B. die Systeme der digitalen Kommunikation) seine Theorie weiter zu entwickeln.

Die Grundlagen dafür werden derzeit an der Universität Bielefeld gelegt. Im dort angesiedelten Forschungsprojekt „Niklas Luhmann – Theorie als Passion. Wissenschaftliche Erschließung und Edition des Nachlasses“ wird die im Nachlass dokumentierte Entwicklung der Luhmannschen Forschung erschlossen und wissenschaftlich aufbereitet. Neben einer Print-Veröffentlichung der Manuskripte ist insbesondere eine Edition der Manuskripte und des Zettelkastens auf einem Online-Portal geplant, das daneben Audio- und Videodokumente sowie eine komplette Bibliographie Luhmanns anbieten wird, um so der Forschung wie der interessierten Öffentlichkeit diesen außergewöhnlichen Soziologen und sein intellektuelles Vermächtnis zugänglich zu machen.

Weitere Informationen:

http://www.awk.nrw.de/forschung/forschungsvorhaben-im-akademienprogramm/niklas-luhmann.html

http://www.uni-bielefeld.de/soz/luhmann-archiv/