AWK - Detailansicht Presse

Übersprungnavigation

Navigation

Inhalt

21.11.2018

Der Euro: Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende? Ein Streitgespräch

Prof. Dr. Henrik Müller und Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Werner Sinn diskutierten am 20. November im vollbesetzten großen Saal der Akademie über die Zukunft des Euros. In einem Punkt waren sich die Diskutanten einig: Der Euro als Währung soll bleiben. Aber wie können die wirtschaftlichen Probleme im Euro-Raum behoben werden? Über die Lösungswege gingen die Meinungen der beiden Ökonomie-Experten auseinander. „Keine Haftungsübernahme von Schulden“ meinte Hans-Werner Sinn, während Henrik Müller plädierte: „Mehr Demokratie wagen in Europa“.

(v.l.) Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Werner Sinn, ehemals Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, und Prof. Dr. Henrik Müller von der TU Dortmund. Akademie-Mitglied Prof. Dr. Juergen B. Donges moderierte.

Das Streitgespräch bildete die Auftaktveranstaltung einer Veranstaltungsreihe der Akademie zum Thema „Europa“. Die nächsten beiden Veranstaltungen dazu stehen bereits fest und finden im April 2019 statt. Darauf wies Akademie-Präsident Prof. Dr. Wolfgang Löwer in seiner Begrüßung hin. Er erinnerte an die historische Bedeutung der europäischen Integration nach dem Zweiten Weltkrieg und äußerte sich besorgt über die beiden Sprengsätze der Europäischen Union: den Brexit und die verfassungsrechtlichen Veränderungen in Polen und Ungarn. Letztere demonstrierten mit ihrer Politik, dass sie nicht aus grundsätzlicher, historisch begründeter Überzeugung der EU beigetreten sind. Sein Fazit: Es könne nicht genug über Europa gesprochen werden, um sich für den Erhalt einer stabilen Europäischen Union einzusetzen.

 

Der Moderator des Streitgesprächs, Akademie-Mitglied Prof. Dr. Juergen B. Donges, lenkte den Fokus auf die haushaltspolitische Entscheidung der Italiener, mehr Schulden aufzunehmen und sich um gemeinsame EU-Regeln gegen eine hohe Staatsverschuldung nicht zu kümmern. Auch in Spanien fange im Windschatten Italiens dieselbe Entwicklung an. Der emeritierte Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität zu Köln befürchtete: „Wenn diese beiden großen Länder so weiter machen, wird uns die Griechenland-Krise wie eine Petitesse vorkommen.“

 

Hans-Werner Sinn, ehemaliger Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und korrespondierendes Mitglied der Akademie, schlug einen temporären Ausstieg Italiens vor, wie auch für andere EU-Mitglieder mit Finanzproblemen. Er sprach sich kategorisch gegen eine Haftungsübernahme von Schulden aus - für ihn lediglich eine Maßnahme zur Verlängerung der Wirtschaftskrise. „Wir haben bereits die Situation, dass der Euro gescheitert ist, wie man in den südeuropäischen Mitgliedsländern sieht“, bilanzierte der emeritierte Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Sein Vorschlag: Den Euro flexibler gestalten, indem diese Länder austreten, ihre Finanzen stabilisieren und dann wieder beitreten.

Diese Ansicht fand Henrik Müller, Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund, „hochgradig riskant“. Nach einem temporären Ausstieg Italiens prophezeite er dessen weiteren Zerfall ohne erneute Rückkehr in die EU. Er kritisierte, dass die währungspolitischen Entscheidungen in der Europäischen Union nicht demokratisch legitimiert seien und plädierte dafür, dem Europaparlament mehr Entscheidungsbefugnisse einzuräumen und insgesamt mehr demokratische Elemente in der Eurozone zu etablieren. Er fasste das mit dem Slogan zusammen: „Mehr Demokratie wagen in Europa“. Er hielt einen Perspektivwechsel auf Europa für dringend notwendig und schlug mehr europäische Gemeinsamkeit vor: ein gemeinsames Budget, eine gemeinsame Steuerpolitik und auch eine gemeinsame Armee.

Die Diskussion traf auf großes Interesse: Weit über 300 Besucher folgten interessiert dem Streitgespräch und beteiligten sich mit Fragen und Kommentaren.

 

Weitere Termine in der Veranstaltungsreihe zum Thema Europa stehen bereits fest:

 

Am 4. April 2019, 16 Uhr: „Europäisches Haus oder Großbaustelle? Forschen, studieren, Zukunft gestalten in Europa“ statt. Mit Vorträgen u.a. von Prof. Dr. Martin Paul, Maastricht, und Prof. Dr. Katrin Amunts, Forschungszentrum Jülich.

 

Am 15. April 2019, 16 Uhr: „Künftige Struktur der Europäischen Union und des Wirtschaftsraums Europa (Arbeitstitel)“. Mit Vorträgen u.a. von Prof. Dr. Norbert Lammert, Bundestagspräsident a.D. und Prof. Dr. Dr. h.c. Thomas von Danwitz, Kammerpräsident am Gerichtshof der Europäischen Union.