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26.06.2021

Mischa Kuball im Interview: Kunst kann auch im digitalen Raum funktionieren

Mischa Kuball arbeitet seit 1977 künstlerisch im öffentlichen und institutionellen Raum und nutzt dabei unter anderem Lichtinstallationen, Videoprojektionen und Performances. Kuball lehrt public art an der Kunsthochschule für Medien in Köln und ist seit 2015 Mitglied der Klasse der Künste an der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Die Ausstellung ReferenzRäume ist aktuell im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen. Im Dezember kommt sie nach Leverkusen ins Museum Morsbroich.

Portraitfoto Mischa Kuball

Foto: Marek Kruszewski © Archiv Mischa Kuball, Düsseldorf / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die Museen haben – Stand heute – wieder geöffnet. Auch Ihre Ausstellung „ReferenzRäume“ im Kunstmuseum in Wolfsburg kann nun also Besucher empfangen. Wie erleichtert sind Sie?

ReferenzRäume ist jetzt schon die zweite große Ausstellung, die mittelbar durch die pandemischen Regeln beeinflusst wird. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man zusammen zwei Jahre an einer Publikation und Ausstellung gearbeitet – die Publikation kann den Büchertisch verlassen, die Ausstellung bleibt erst einmal zu. Deswegen ist große Erleichterung das Hauptgefühl, verbunden mit Neugierde: Kommen die Leute jetzt so zurück in den kulturellen Raum, wie es vorher war?

Wäre denn auch eine komplett digitale Alternative denkbar gewesen, kann Kunst im ausschließlich digitalen Raum funktionieren?

Das war eine sehr interessante Erfahrung: Neben ReferenzRäume war eben auch noch das Projekt Emil Nolde - a critical Approach by Mischa Kuball im letzten Jahr von Corona betroffen. Da mussten wir dann tatsächlich Gäste ausladen, die aus sogenannten Hoch-Inzidenzgebieten kamen. Das war schon ungewöhnlich, jemanden zu einer Ausstellung persönlich auszuladen, das habe ich noch nie erlebt.

Interessant zu beobachten war, in wie kurzer Zeit die Draiflessen Collection, die die Ausstellung zeigte, Alternativen und digitale Plattformen aus dem Lauf heraus aufgesetzt hat. Im Kunstmuseum Wolfsburg wurde bereits vorher sehr stark in digitalen Ansätzen gedacht und hatten ein Verständnis dafür, wie man über ein Projekt kommuniziert und Menschen erreicht, die die Ausstellung nicht vor Ort besucht haben. In beiden Fällen ist es, trotz der „Nicht-Besuche“, nicht zu Einschränkungen im Rezeptionsraum gekommen. Wir müssen in Zukunft schauen: Sind es immer die Zahlen? Immer wurde gesagt, die Besuchszahlen waren so und so hoch und deshalb war es ein Erfolg. Ich glaube, von dieser Kausalität sollten wir uns verabschieden.

Die Corona-Pandemie bestimmt nun schon seit mehr als einem Jahr das öffentliche wie auch das private Leben maßgeblich. Wie haben Sie die Zeit bisher erlebt?

Ich habe in dieser Zeit vor allem mit zwei Gruppen gelitten. Das war zum einen familiär. Meine Söhne und Enkelkinder, die - sei es im Studium, sei es beim Abitur, oder auch eben im Kindergarten - durch die Schließungen extreme Einschränkungen erfahren haben. Bis das Homeschooling ans Laufen kam hat es teilweise gedauert. Für jemanden, der ins Studium einsteigt, ist das ein unglücklicher Start in Bezug auf Kommilitonenschaft, studentisches Leben, Debatte und Diskurs. In digitalen Formaten fällt das aus, das finde ich problematisch. Andere hoffen, dass etwas von dieser digitalen Euphorie zurückbleibt - ich hoffe, dass die Diskussionsrunden zurückkommen.

Die zweite Gruppe, die ich benennen würde, sind meine Studierenden. Im Rahmen meiner Lehrtätigkeit als Professor für public art an der Kunsthochschule für Medien in Köln waren wir gezwungen, im öffentlichen Raum zu sein, weil die Hochschule geschlossen war. Aber auch dort haben wir Einschränkungen erlebt. Wir sind ausgewichen in ein Radrennstadion in Köln-Müngersdorf, was für lange Zeit ein guter Treffpunkt war, aber Projekte, die geplant waren, konnten nicht realisiert werden.

Ich merke, dass bei den Studierenden die Reserven aufgebraucht sind. Die Konten von sozialer Kompetenz und sozialem Umgang sind leer, weil die Distanz Auswirkungen zeigt, weil die Hochschule und die Räume nicht begehbar waren, weil die Leute ihre Jobs nicht mehr ausführen können, weil etwas wirklich in Schieflagen geraten ist. Das ist bis heute eines meiner größten Sorgenkinder. Die Familie, das ist ein überschaubarer Rahmen. Aber bei meinen Studierenden spreche ich von 15 bis 25 Menschen, die unmittelbar betroffen sind, und das ist ein schwerer Schlag.

Die aktuelle Ausstellung „ReferenzRäume“ zeigt einen Querschnitt der Werke der letzten Jahrzehnte – gibt es dennoch aktuelle Bezüge?

Normalerweise sieht man immer nur eine einzelne Arbeit von mir. Ob das jetzt res·o·nant im Jüdischen Museum war, da waren es 800 Quadratmeter oder die Synagoge in Stommeln, da waren es 35 Quadratmeter – aber es war immer ein Projekt. Holger Broeker und Andreas Beitin vom Kunstmuseum Wolfsburg, Fritz Emslander vom Museum Morsbroich Leverkusen und ich haben uns zusammengesetzt und gesagt, wir machen ein Experiment: Wenn wir zum Beispiel zehn Räume von mir hintereinander zeigen, wie könnte das funktionieren, und was wäre das dann für eine Ausstellung?

Da ist mir klar geworden, dass ich meine eigene Biografie eben nicht über Studium, über abgeschlossen, nicht abgeschlossen oder so definieren würde, sondern eher über die Anzahl und die Kontexte der Projekte. Weil das so ist, ist eben ReferenzRäume nicht nur der Titel der Publikation, sondern auch die Idee der Ausstellung.

Wenn man durch ‚platon‘s mirror’ geht, die erste Installation in der Ausstellung, die die Besucherinnen und Besucher betreten, geht man einerseits durch einen Raum und durch eine Arbeit und gleichzeitig durch einen über Jahre währenden Diskurskomplex. Wir haben im Grunde jeden eingeladen, sich zu dem Thema, dem Platonischen Höhlengleichnis, zu verhalten Ich finde das tatsächlich höchst aktuell, auch wenn der Text 2.500 Jahre alt ist. Aber es ist eben ein wichtiges Dokument über das, was wir heute als Medienpolitik fassen würden, nämlich die Frage, auf welche Weise wir auf die Welt schauen und dann wie man Botschaften über sich selbst und natürlich über uns selbst verraten.

Deswegen war es klar, dass wir mit Hans Belting, mit Horst Bredekamp mit John Welshman in Los Angeles, mit Yukiko Shikata in Japan zusammenarbeiten. Wir haben also auch mit nicht Eurozentristischen Blickformaten versucht, eine Annäherung zu finden. Was eben überraschend war, war, dass von den 20 Autorinnen und Autoren alle sofort gesagt haben „Ich habe da sowieso gerade noch einmal neu drüber nachgedacht, und wäre interessiert, dass in diesem Kontext einzubringen.“

Man ist dann eben in einem Raum, in dem praktisch, wie in einer Matruschka, ganz viele kleinere Innenräume zu finden sind, die man aber eben selbst erschließen kann. Und wenn du gerade dabei bist, über das Denken nachzudenken, gehst du in den nächsten Raum, ‚broca Re:Mix‘, wo es genau darum geht: Hirnströme, die gemessen worden sind, wieder zurückzubringen in einen begehbaren Raum. So hat sich das ganze Ausstellungsnarrativ entwickelt.

Es gibt tatsächlich zudem eine neue Arbeit. Die ist entstanden aus der Untersuchung in Dreiflessen im Kontext von Emil Nolde. Da bin ich der Frage nachgegangen, ob sich zwei Personen der Kunst tatsächlich begegnet sind, Emil Nolde und der Hamburger Kunstwissenschaftler Aby Warburg. Es gibt keinen direkten Bezug, nur indirekt über einen Brief. 1927 schrieb Warburg einen Brief an Karl-Georg Heise und kritisierte seine Kritik über Nolde. So ist mein Forschungsschwerpunkt erweitert worden. Nach Warburgs Tod 1929 blieb dessen Bilderatlas Mnemosyne unvollendet. In diesem Kontext ist Making Off Mnemosyne after Aby Warburg, eine Doppelprojektionsinstallation, entstanden und wird in Wolfsburg zum ersten Mal gezeigt.

Deswegen würde der Retrospektivcharakter nach meinem Verständnis kaum greifen.

Gibt es einen Ort oder eine Institution, an dem/der Sie gerne einmal ein Kunstwerk umsetzen würden, wo Ihnen dies bisher nicht möglich war?

Es gibt immer wieder Orte, für die ich etwas entwickelt habe und es kam aus sehr unterschiedlichen Gründen nicht zum Tragen. Es ist schwierig, einen bestimmten herauszugreifen. Aber es gibt sicherlich Orte, für die ich sehr lange konzipiert habe, zum Beispiel die neue Nationalgalerie in Berlin. Es gibt ein umfängliches Konzept, welches nicht realisiert wurde – oder vielleicht noch nicht. Wenn man auf eine Sache schon zwölf Jahre hinarbeitet, muss man sich jetzt auch nicht mehr unter Druck setzen. In meinem Kopf ist die Arbeit jedenfalls sehr lebendig. Ich habe auch eine sehr frühe Erfahrung gehabt in den 1980er Jahren. Da hat eine junge Kuratorin des Krefelder Kunstmuseums mich eingeladen, mich mit Haus Esther und Haus Lange zu beschäftigen. Ich habe mir über die Jahre viele Ausstellungen dort angesehen. Und die gebaute Idee von privaten Villen, von einem Geschäftsführer und seinem Prokuristen, das ist auch spannendes Material. Ob es jetzt dazu kommen muss, das ist eine andere Frage. Es gäbe die Rekonstruktion des Deutschen Pavillons von Mies van der Rohe in Barcelona, dafür habe ich einen Entwurf gemacht. Also ich glaube, wenn ich das in Ruhe durchgehe im Kopf, gibt es noch eine Menge Orte, auf die bezogen ich mir etwas vorstellen kann.

Aber ich möchte unterscheiden zwischen „Ich würde da gerne mal was machen“ und „Gibt es eine Notwendigkeit?“. Das ist ja keine Beschäftigungstherapie, sondern es geht um Orte, wo ich denke „Da muss es jetzt passieren“. An den genannten Orten würden mich ein paar Fragen interessieren, die ich auch nur an diesen benannten Orten bearbeiten könnte.

So exklusiv, wie man das eben auch für refraction house in der Synagoge in Stommeln sagen kann, weil man ja sofort versteht: Eine ehemalige Synagoge, hat die Pogrome vom 1938 überstanden, und da gibt es eine Ausstellungsreihe von internationalen künstlerischen Positionen, die eben sich zu diesem Thema verhalten – ist das ein Gedenkort, ein Gedächtnisort, vielleicht Streitort oder ein Ort der sich versteckt, der gezeigt werden muss. Die Arbeit, die für Stommeln entstanden ist – das kann man nicht einfach von A nach B tragen, das wird dann selbstverständlich eine ganz andere Arbeit. Denn dahinter steckt ja auch ein Rechercheweg und Prozess.

Manchmal werde ich zu einem Projekt eingeladen, und stelle dann erst in der Recherche fest, was noch dahintersteckt. In Montevideo bei dem Projekt Greenlight 1999 habe ich festgestellt, das ist hier nicht nur ein Projekt über ein Stadtviertel, es ist eben auch ein Projekt über Migration, über Exil. Bis hin zu der Tatsache, dass ich dann eben vom Jüdischen Musikorchester aus Auschwitz Überlebende treffe und gleichzeitig die Wärter aus den KZs. Und die wohnen jetzt in einem Viertel zusammen, weil eben beide Gruppen aus sehr unterschiedlichen Gründen geflüchtet sind, die einen, um dem Tod zu entgehen und die anderen einer gerechten Bestrafung. Und die sind da jetzt Nachbarn, da entstehen besondere Situationen und das gehört mit ins Werk.

Die Akademie ist eine traditionsreiche Einrichtung – hilft dieser Erfahrungsschatz, in Wissenschaft und Kunst voranzukommen oder steht es der Innovation gelegentlich im Weg?

Ich finde, die Berufung in die Akademie und in die Klasse der Künste ist eine Auszeichnung. Die Auszeichnung ist nicht, dass man irgendwelche Wimpelchen bekommt. Man hat in der Akademie ein Forum, in dem man eine Debattierkultur, die ein bisschen vom Aussterben bedroht ist, leben kann. Deswegen ist die Tradition wichtig, weil sie auch Erhaltenswertes erhaltenswürdig entwickeln kann.

Das geht natürlich nicht nur indem man sich an Werten festhält. Dazu gehört auch, dass man sich öffnet. Dazu gehört auch Einlass und Haltung zur Digitalkultur. Dazu gehört auch, dass sich gesellschaftliche Diskurse verändern, das von vorneherein transdisziplinär gedacht wird. Im Kern kann man sagen, dass die Akademie die Tradition bewahrt, das Menschen zusammenkommen und den Austausch nach allen Regeln der Rhetorik pflegen – man darf auch attackieren, das gehört dazu – den Gegner treffen, ohne zu verletzen. Das bringt uns – und auch die Akademie – voran!